Berufsunfähigkeit

Überraschung - Überschüsse Leistungsfall 2022 Berufsunfähigkeitsversicherung

Im letzten Jahr haben wir zum ersten Mal eine flächendeckende Übersicht für die Überschüsse / Steigerungen IM Leistungsfall bei der Berufsunfähigkeitsversicherung veröffentlicht. Dies war auch für uns sehr interessant zu sehen, wie diese eigentlich rasant am Fallen waren. Für uns war eigentlich klar, dass sich dies 2022 auch fortsetzen wird, aber wir haben die Rechnung ohne ein bestimmtes Ereignis gemacht.

Nüchtern gesehen ist die Berufsunfähigkeitsversicherung extrem aufgepumpt. Die Vertragsbedingungen werden immer besser und die Beiträge für die schönen Risiken (=gute Berufsgruppen) immer günstiger. Das ganze ist in unseren Augen ein gefährlicher Mix. So ist auch der Tenor von vielen versierten Kollegen, dass die Beiträge und somit die Einnahmen für die Versicherer eigentlich nicht mehr auskömmlich sein können. Die Thematik wird uns aber erst in vielen Jahren / Jahrzehnten treffen. Der Schüler / Student wird statistisch gesehen erst mit 45-55 Jahren ins Hochrisikoalter kommen. Trotzdem geht es jetzt natürlich auch, schon etwas zu sparen - dank der Arbeitsunfähigkeitsklausel gibt´s auch jüngere Leistungsfälle. Sichert man 2.500 Euro ab, und bekommt für 12 Monate ein Burn-Out (immer schwierig für den Leistungsfall in der BU) greift somit der Anspruch auf die Gelbe-Schein Regelung = 30.000 Euro. Das muss erst durch Beiträge wieder reinkommen.

Die Überschüsse sind bekanntlich stark im Fallen, die (politisch gewollte) Niedrigzinsphase macht den Gesellschaften stark zu schaffen. Würde man den Nettobeitrag erhöhen Richtung Bruttobeitrag wäre das Geschrei groß und man würde sich wohl selber aus dem Markt kegeln (analog WWK 2018 mit ihrer extremen Erhöhung). Das werden die vernünftigen Versicherer tunlichst meiden. Eine heimliche Stellschraube, die man als Verbraucher und wohl als Vermittler gar nicht merkt, sind die nicht garantierten Überschüsse im Leistungsfall. Dies merken ja nur Personen, die schon im Leistungsbezug sind. Hier gab es die letzten paar Jahre massive Senkungen, wie wir im letztjährigen Artikel “Fallende Überschüsse im Leistungsfall Berufsunfähigkeitsversicherung 2021” beschrieben haben. Wobei das nüchtern gesehen gar nicht so heimlich passiert, aber darauf kommen wir gleich zu sprechen.

2022 sieht die Welt der nicht garantierten Überschüsse ganz anders aus als erwartet

Zum 01.01.2022 gab es ein besonderes Ereignis für die Lebensversicherungssparte (wozu auch die Berufsunfähigkeitsversicherung gehört). Der Rechnungszins wurde von 0,9 auf 0,25 % gesenkt.

Damit einhergehend mussten natürlich sämtliche Tarife neu aufgelegt werden, was auch die Überschüsse beeinflusst. Die Überschüsse im Leistungsfall hängen nämlich mit den real erwirtschaften Überschüssen der Lebensversicherer zusammen. Davon wurde der Höchstrechnungszins abgezogen.

Einfaches Beispiel: Habe ich im Jahr 2021 einen Zins von 2,5 % erwirtschaftet, musste man noch den Höchstrechnungszins von 0,9 % abziehen. So lagen die Überschüsse bei 1,6 Prozent für den Kunden im BU-Leistungsfall. Jetzt sank aber der Höchstrechnungszins auf 0,25 % und nun müssen nur noch diese 0,25 % abgezogen werden. So wären wir bei Überschüssen von 2,25 % für den Kunden. Somit gab es (ungewollt) eine enorme Steigerung.
Nichtsdestotrotz sind die Überschüsse / Renditen natürlich seit Jahren im Sinkflug - ein jeder Sparer, welcher “sichere” Anlagen bevorzugt, kann ein Lied davon singen. Stichwort Negativzinsen / Verwahrentgelt oder auch negative Renditen bei ach so sicheren Staatsanleihen.


So sind die Überschüsse 2022 im Leistungsfall in der Berufsunfähigkeitsversicherung

Gesellschaft Überschüsse 2020 Überschüsse 2021 Überschüsse 2022
LV 1871 1,9 % 1,9 % 2,55 %
Volkswohl Bund 1,5 % 1,35 % 2,0 %
Bayerische 1,6 % 1,6 % 2,25 %
Basler 1,25 % 1,1 % 1,75 %
Stuttgarter 1,1 % 0,8% 1,45 %
Signal Iduna 1,26 % 1,22 % 1,4 %
AXA 2,0 % 1,7 % 2,1 %
Allianz 1,9 % 1,7 % 2,35 %
Barmenia 1,6 % 1,1 % 1,75 %
Continentale 1,4 % 1,2 % 1,2 %
Generali (vorher Aachen Münchener) 0,6 % 0,4 % 0,65 %
HDI 1,7 % 1,7 % 2,15 %
Alte Leipziger 1,53 % 1,53 % 1,98 %
Condor 1,2 % 1,35 % 0,55 %
Nürnberger 1,45 % 1,45 % 2,1 %
Canada Life 0,0 % 0,0 % 0,0 %
Debeka - - 0,9 %
Württembergische - - 1,75 %
Münchener Verein - - 0,1 %
Helvetia - - 1,25 %
Zurich - - 1,55 %
Dialog - - 1,35 %
Gothaer - - 1,55 %

Wie man sieht, sind bei vielen Gesellschaften die Überschüsse massiv nach oben gesprungen - der Spitzenreiter mit der LV 1871 bietet sogar 2,55 Prozent an. Theoretisch müsste jede Gesellschaft jetzt - bei unveränderten Überschüssen - genau 0,65 % höher sein wie zum letzten Jahr. Hat man gut gewirtschaftet, kann es ggf. sogar positiver ausfallen. Hat man negativ gewirtschaftet, sieht´s nicht mehr so toll aus. Die Zinslage hat sich nicht wirklich verändert, von daher gab es eher Abschwünge zu verzeichnen. Wenn eine 0 oder ein sehr kleiner 1,X% vor den Überschüssen steht, könnten durchaus schon die Alarmglocken klingen.
Bei der Canada Life bleibt die Thematik (wird auch die nächsten Jahrzehnte so sein) identisch - man rechnet nicht wie die deutschen Lebensversicherer, sondern bei der Canada Life gibt es einen festen Netto- wie Bruttobeitrag und deshalb folgerichtig keine Überschüsse. Da wäre es also noch viel wichtiger, dass Du die Leistungsdynamik dazu buchst (sind drei Prozent möglich - nicht mehr und nicht weniger), da niemand weiß, inwiefern sich die Verzinsung der Versicherer in den nächsten Jahren ändern wird und ob die erhoffte Zinswende weiterhin nur ein Traum bleibt oder sich zumindest teilweise erfüllt. 

Bitte pass aber auf - es handelt sich um nicht garantierte Überschüsse, die sich ständig verändern können

Nüchtern gesehen vergleichen wir jetzt zwar nicht direkt Äpfel mit Birnen, aber wir müssten eigentlich die Überschüsse des jeweiligen Vertragswerk miteinander vergleichen (und sehen, welcher Höchstrechnungszins zugrunde gelegt wurde). Diese Information ist aber jeweils im Geschäftsbericht ganz klein vermerkt. Da wir auch noch immer im Tagesgeschäft in der Beratung zur Berufsunfähigkeitsversicherung sind, wühlen wir uns aus Kapazitätsgründen hier mal nicht durch. Vielleicht hat ein Kollege dafür mal Zeit. 

Nun aber zur eigentlichen Thematik - diese Überschüsse sind nicht garantiert. Sieht man z.B. bei der Hannoverschen, welche wie folgt aussieht

Oder schauen wir uns mal den Geschäftsbericht von der HDI-Versicherung an. Hier sieht man auch sehr schön, dass aktuelle Überschüsse nicht für immer und ewig gelten müssen und man sehr stark vom Höchstrechnungszins abhängig ist, welchen der Gesetzgeber vorgibt.

2012 ist jetzt genau 10 Jahre her - die Überschüsse im Leistungsfall sind da schon bei 0,0 angekommen. Somit ist die obige Tabelle mit den aktuellen Werten 2022 selbstverständlich nur eine Momentaufnahme. 

Eine Leistungsdynamik / garantierte Rentensteigerung im Leistungsfall wird daher immer wichtiger

Vorab sei gesagt = für uns sind die zwei wichtigsten Parameter der technischen Ausgestaltung das passende Endalter sowie die angemessene Höhe in der Berufsunfähigkeitsversicherung. Diese liegt im Angestelltenverhältnis i.d.R. bei 60 % des Bruttogehaltes. Bei Schülern liegt die Pauschale zumeist bei 1.500 Euro, Studenten können bis zu 2.000 Euro absichern.
Anschließend kann man sich an das Thema der garantierten Rentensteigerung / Leistungsdynamik wenden. Diese kann bis zu 3 Prozent betragen und bleibt - wie der Name schon sagt - garantiert. In Zeiten von Inflation und dem damit verbundenen Kaufkraftverlust sicherlich nicht die schlechteste Idee. 

Nutze aktiv die Beitragsdynamik sowie die Nachversicherungsoptionen zur Berufsunfähigkeitsversicherung

Leistungsdynamik hin, nicht garantierte Überschüsse her. Zwei weitere wichtige Parameter solltest Du immer im Blickfeld haben. Zum einen nimm insbesondere in jungen Jahren immer die Beitragsdynamik in der Berufsunfähigkeitsversicherung an. Zum anderen - nutze aktiv die Nachversicherungsoptionen in der BU. Insbesondere, wenn der Abschluss noch während der Schulzeit oder des Studiums erfolgte. Alleine durch die Beitragsdynamik kannst Du Deine Gehaltssprünge i.d.R. nicht ausgleichen - insbesondere bei Akademikern ist dies nahezu unmöglich. Sieh die Beitragsdynamik eher als Inflationsausgleich, nicht als Ersatz für Nachversicherungsoptionen. 

Fazit zu den aktuellen Überschüssen im Leistungsfall bei der Berufsunfähigkeitsversicherung:

Diese sehen im Jahr 2022 klar besser aus als noch im Vergangenen, aufgrund des gesunkenen Höchstrechnungszinses. Lass Dich bitte nicht davon blenden und rechne auch auf keinen Fall damit, solltest Du mal berufsunfähig werden. Sieh es bitte als “Nice To Have” an. Über “zu viel Geld von der Versicherung” (platonisch ausgedrückt) hat sich sicherlich noch niemand beschwert. Achte somit auf die passende Absicherungshöhe, einer guten Beitragsdynamik, ggf. dem Einbau einer Leistungsdynamik sowie dem aktiven Ziehen der Nachversicherung.
Wir sind grundsätzlich aber weiterhin sehr gespannt, wie sich die Überschüsse entwickeln, welche aber mehr oder minder auch einen direkten Zusammenhang mit dem aktuellen politischen Geschehen haben (künstlich gehaltener Niedrigzins...). Man darf nicht vergessen, dass wir eventuell auch japanische Verhältnisse bekommen könnten - Niedrigzinsphase über mehrere Jahrzehnte. Kann kommen, muss nicht kommen. Auf jeden Fall sollte man schon eher Versicherer auswählen, welche eine gewisse Finanzkraft besitzen.